Das flatternde Gewand

Wenn die Sonne aufgeht und der Himmel von einem strahlenden rot bedeckt wird, wurde Blut in der vergangenen Nacht vergossen – sagt man. Oft habe ich den Eindruck, der Himmel reflektiert das unnötig vergossene Blut der vergangenen Nacht. Manchmal wandelt der Morgenhimmel sich gar nicht in ein solch strahlendes rot und verbleibt eher in einem leichten rosa. Wie an einem Morgen vor ein paar Jahrzehnten. Ich wusste, ich war zu spät zumindest für dieses eine Leben.

Ich beobachtete oft diese besondere Dame, die nur ein leichtes hellrosa Gewand trug, als sie über die Wiesen in den Wald in der Nähe schlenderte, in dem sie dann verschwand. Es schien, als tänzelte sich mehr während ihrer nächtlichen Routine vor sich hin, bewusst die Luft einatmend und sich mit selbst vollkommen wohl und in Frieden fühlend. Eine leichte Brise brachte sanft ihr Gewand und ihre dunklen langen Haare zum flattern und wie sie in der Dunkelheit zwischen den Bäumen verschwand, hörte ich sie ein altes nordisches Lied vor sich hin summen. Das Lied füllte seicht die Luft mit den leicht im Winde raschelnden Blättern die ganze Nacht hindurch bis der Himmel sich in der Morgensonne in goldenen Farben sehen lassen würde. Die Dame würde dies jede Nacht tun, ganz gleich, ob wichtigere oder schlimmere Dinge die Gedanken der Einwohner des Dorfes, in dem sie auch lebte, verdunkelten. Auch würde man sie am Tag nicht sehen.

Ich erinnere mich an die erschreckende Nacht, als ich bereits mit einem Glas Roten auf der Veranda sass und darauf wartete, dass sie in der Ferne vorbeizog und mich nicht nur die Nacht als solches geniessen lassen würde, sondern mit dem zusätzlichen Geschenk ihrer sanften Stimme. Stattdessen hörte ich horrende Schreie aus dem Dorf. Schnell rannte ich hinüber zu ihrem kleinen Haus, nur um aus etwas Entfernung zu beobachten, wie sie von weiss gekleideten Männern in einen vergitterten Wagen gezogen wurde und weggebracht wurde. Ich wagte es, mich ihrem Haus zu nähern, um zu erfahren, was mit ihr geschah und warum sie weggebracht wurde. Sie sei eine nutzlose Fresserin, hiess es. Sie lebte allein und sie habe nur ein Auge und eine Hand gehabt. Ich lugte in ihr kleines Haus hinein und entdeckte auf dem Boden viele kleine verteilte Bälle und andere kleine Gegenstände teilweise mit kleinen Glocken versehen, die sie scheinbar für die eine Katze, die sich unter einem Stuhl verbarg, gebastelt hatte. Das sei Materialverschwendung. Ich konnte keinen verständlichen Grund erkennen, warum sie fort gebracht wurde. Das Dorf wurde von langen Dürreperioden heimgesucht, weshalb Nahrung knapp war für die Menschen dort und man scheinbar nach Gründen suchte sich einfach anderen entledigen zu können, um mehr für sich  zu haben oder auch im einen Sündenbock für die Wetterumstände zu finden. “Sie ist eine Hexe!” schrie jemand anders.

Die Hexenverfolgungen waren zu dem Zeitpunkt bereits seit ein paar Jahrhunderten vorbei, doch fanden die Menschen scheinbar immer noch grosse Freude darin Frauen, die in anderen Rahmenbedingungen lebten, als Hexen zu verurteilen. Mit der Dame war alles in Ordnung, das einzige, was mit ihr ‘nicht stimmte’ war, dass sie anders war und ihr so aus einer sinnlosen Entscheidung heraus ein verdientes Leben verweigert wurde.

Ich folgte den Hinweise, die ich bekam, um herauszufinden, wohin die Dame gebracht worden war. Sie wurde in ein Sanatorium gebracht, das voller ähnlicher Menschen war, die das gleiche Schicksal wie die Dame erleiden musste. Nachts hörte man sie aus Angst schreien, um Hilfe rufen und betteln, dass man sie gehen lassen würde, während sie wahllose misshandelt wurden und mit Elektroschocktherapien malträtiert wurden. Am Tage waren die Patienten stumm und leise, zugepumpt mit wer weiss was, so dass sie still waren und apathisch in eine Leere vor sich hin starrten. Ich entschied mich einzuschreiten und den unschuldigen Menschen dort zu helfen. Des Nachts kehrte ich zurück und schlich mich zuerst in des Oberarztes Büro, um mir selbst anhand der Akten ein Bild zu machen, worunter die Patienten dort litten. Ich fand keine nützliche und wertvolle Information in den Akten, so ging ich persönlich in jeden Raum, um mir ein Bild der Patienten zu machen, während die Schwestern und der Arzt in einem anderen Raum mit ihren Torturen beschäftigt waren. Ich fand lediglich hoffnungslose Menschen vor. Es gab nichts, was mit ihnen nicht stimmen würde. Der ein oder andere strauchelte vielleicht ein wenig mit seinem Lebensweg, doch gab es einfach nichts, weswegen man sie krankhaft nennen konnte. Keiner von ihnen hatte eine ernsthafte psychische Erkrankung entwickelt. Sie hatten nur eines gemeinsam: sie waren anders. Der ein oder andere war leicht körperlich eingeschränkt, doch fanden sie einen Weg zurecht zu kommen. Manche  erzählten mir, sie waren des Nachts aktiver und taten eben dann die Dinge, die sie gerne taten. Eine hatte eine Totgeburt und eine andere umgab sich mit vielen Hunden, wo sie lebte. Ich fand nur einen Patienten, der sehr mit den Steinen in seinem Lebensweg kämpfte, doch würde auch dies mit der Zeit sich in einer ruhigen Umgebung mit einer guten Aufgabe legen. Ich bat die Patienten zunächst in ihrem Räumen zu bleiben und ging zu dem Raum, in dem der Arzt mit den Schwestern beschäftigt war einen Patienten zu ‘behandeln’. Ich konnte die Schreie den Korridor hinunter hören, die durch das ganze Gebäude schallten. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, es war kurz vor Sonnenaufgang. Ich eilte den Flur hinunter, riss die Türen zu dem Behandlungsraum auf und schleuderte die Schwestern und den Arzt mit einer kleinen Handbewegung durch die Luft. Auf der Liege in der Mitte des Raumes fand ich die Dame in ihrem hellrosa Gewand. Die Sonne schien dezent pink durch das Fenster auf ihren nun stillen Körper hinab. Ihr Herz hörte bei den ‘Behandlungen’ auf zu schlagen. Ich war zu spät.

Ich sammelte die übrigen Patienten und bat sie in einen Bus zu steigen, den ich vor dem Sanatorium fand. Vermutlich sollten sie damit einst woanders weiter untergebracht werden, um sie dort in ‘akzeptable’ Formen zu pressen. Wir fuhren in das kleine Dorf zurück. Dort hypnotisierte ich die bisherigen Einwohner dazu das Dorf zu verlassen und konnte so den ehemaligen Patienten einen neuen Ort zum Leben bieten. Die einstigen Dorfbewohner waren dort ohnehin nicht glücklich und es war besser für sie weiterzuziehen, während die einstigen Patienten eine neue Chance in ihrem Leben des anders seins bekamen. Bald fand eine junge Frau das kleine Haus der Dame im hellrosa Gewand und freute sich über die Katzen dort. Mit der Zeit verwandelte sich das Haus in eine kleine Katzenzuflucht. Diejenige, die sich so gern mit vielen Hunden umgab, baute eine Zuflucht für Hunde auf. Die Menschen, die ich dort angesiedelt habe, haben ihr erfülltes Gluck gefunden und das kleine Dorf in eines der vielseitigsten Dörfer der Welt gewandelt.

Ich bin froh, ihnen damals geholfen zu haben und besuche noch immer gerne das Dorf von Zeit zu Zeit. Doch frage ich mich weiterhin, was für ein Problem Menschen damit haben anderen Menschen nicht das Leben zu geben, das sie verdient haben. Sie werden ‘nutzlose Fresser genannt, weil sie entweder von aussen oder von innen heraus anders sind.

– Horatio

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